
Die 2010 von Simon Schnetzer gegründete Studie wurde seit 2020 maßgeblich durch die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann (Hertie School, Berlin) geprägt. Als Nachfolgerin für sein Engagement hat er die fachlich herausragende Wissenschaftlerin Prof. Dr. Nina Kolleck (Universität Potsdam) vorgeschlagen. Schon in der 2025er Studie hat sie als Expertin mitgewirkt und nun die neue Trendstudie “Jugend in Deutschland 2026” von Anfang an mitentwickelt und umgesetzt. Simon Schnetzer (Studienleitung) und Dr. Kilian Hampel freuen sich auf die weitere spannende Zusammenarbeit mit ihr und haben sie um ein Interview gebeten.
- Frau Professor Kolleck – Sie sind europaweit eine Koryphäe für Bildungsforschung, Erziehungswissenschaft, Rechtsextremismus, Social Media-Forschung und vieles mehr. Für welche Forschungsarbeit haben Sie den renommierten ERC-Grant gewonnen?
Den ERC-Grant habe ich für das Projekt „EmergEd – The Emergence of Global Non-Governmental Spaces in Education“ erhalten. In diesem Projekt untersuchen wir, wie sich im Zuge der Globalisierung neue, transnationale Bildungsräume herausbilden, insbesondere durch Nichtregierungsorganisationen, die sich weltweit vernetzen und zunehmend Einfluss auf Bildungssysteme und Schulen nehmen.
Lange Zeit wurde Bildungspolitik primär nationalstaatlich gestaltet. Doch wir beobachten seit einigen Jahren einen sogenannten global turn in education. NGOs agieren über Ländergrenzen hinweg, schließen sich in Netzwerken zusammen und beanspruchen Mitgestaltung bei Bildungsfragen, von Curricula bis zu Fragen von Chancengleichheit.
Mit EmergEd analysieren wir systematisch, wie diese globalen NGO-Netzwerke entstehen, wie sie funktionieren und welche Auswirkungen sie auf Bildungssysteme haben, sowohl hinsichtlich der Leistungsentwicklung als auch mit Blick auf soziale Ungleichheit. Methodisch verbinden wir Netzwerkanalysen mit Künstlicher Intelligenz, um sowohl die Strukturen der globalen Netzwerke, als auch die Inhalte, die durch die globalen Netzwerke fließen, zu verstehen. Mir ist besonders wichtig, dass wir dabei nicht normativ urteilen, sondern Chancen und Risiken gleichermaßen wissenschaftlich fundiert untersuchen und den wissenschaftlichen Forschungsstand auf dem Gebiet substanziell voranbringen.
Mich treibt die Überzeugung an, dass Bildung und soziale Beziehungen fundamentale Hebel für gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Wir erleben aktuell eine Zeit massiver Transformation und Krisen. In solchen Umbruchsphasen entscheidet sich, ob Gesellschaften auseinanderdriften oder neue Formen von Solidarität entwickeln.
Ich empfinde es als Verantwortung von Wissenschaft, hier nicht nur zu analysieren, sondern die Wissenschaft an sich durch die Entwicklung neuer Methoden und Erkenntnisse voranzubringen und dabei auch Orientierungswissen für die Gesellschaft bereitzustellen.
Ja, das sind insbesondere die Themen soziale Beziehungen und Ungleichheit. Unabhängig davon, zu welchem Thema ich konkret forsche, kehrt immer wieder die Frage zurück: Wer hat Zugang zu Ressourcen, zu Beziehungen, zu Teilhabe, zu Einfluss? Und wer nicht?
Mich reizt, dass die Studie sehr klar zeigt, wie es jungen Menschen wirklich geht und wie sie aktuell unter Druck stehen. Die Ergebnisse der Trendstudie verdeutlichen Jahr für Jahr, dass Sorgen um Krieg in Europa, Inflation, Klimakrise und Zukunftsperspektiven keine abstrakten Themen sind, sondern sich konkret auf das Wohlbefinden junger Menschen auswirken. Die hohe psychische Belastung, die wir in Form von Stress, Erschöpfung oder Ohnmachtsgefühl beobachten, sind kritische Signale.
Social Media spielt dabei eine doppelte Rolle. Digitale Räume sind Informationsquelle, sozialer Treffpunkt und politischer Diskursraum zugleich, aber auch Verstärker von Krisenwahrnehmung, Vergleichsdruck und Polarisierung.
Für die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2025“ war ich zunächst als Expertin mit dem klaren Fokus auf digitale Lebenswelten dabei, da ich selbst zu dem Thema forsche. Sehr schnell wurde jedoch deutlich, dass wir psychisches Wohlbefinden, politische Einstellungen oder Zukunftssorgen nicht verstehen können, ohne die Rolle digitaler Öffentlichkeiten mitzudenken.
Deshalb freue ich mich sehr, seit diesem Jahr im Kernteam der Studienautoren mit Kilian Hampel und dem Studienleiter Simon Schnetzer die Studie noch stärker in der Konzeption und Gesamtinterpretation der Ergebnisse mitzugestalten. Zudem freue ich mich, die wissenschaftliche Qualität der Studie so weiterzuentwickeln, dass sie für Publikationen in internationalen Fachjournalen anschlussfähig ist.
Ich bringe vor allem eine stark wissenschaftliche und methodische Perspektive ein. Mich interessiert nicht nur, was junge Menschen denken, sondern auch, warum bestimmte Einstellungen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen entstehen.
Erstens schaue ich stark auf politische Sozialisation unter Dauerkrisenbedingungen. Die heutige junge Generation ist mit Pandemie, Krieg in Europa, Inflation, Klimakrise und beschleunigter Digitalisierung aufgewachsen. Das prägt Erwartungshaltungen an Staat, Demokratie und Sicherheit fundamental.
Zweitens bringe ich eine differenzierte Sicht auf digitale Öffentlichkeiten ein. Die Studie selbst erhebt auch Social-Media-Daten. Zudem lassen sich viele Befunde – etwa Polarisierung, Unsicherheitswahrnehmung oder Vertrauensverlust – nur verstehen, wenn wir die Logik digitaler Informationsräume mitdenken. Dazu zählen zum Beispiel algorithmische Verstärkung, Emotionalisierung, Fragmentierung von Öffentlichkeit und Bindungsbrüche.
Drittens ist mir eine Ungleichheitsperspektive wichtig. Junge Menschen sind keine homogene Gruppe. Bildungsstatus, sozioökonomischer Hintergrund, Geschlecht oder Migrationsgeschichte strukturieren Wahrnehmungen sehr unterschiedlich. Gemeinsam mit Simon Schnetzer und Kilian Hampel setze ich mich dafür ein, diese Differenzen stärker sichtbar zu machen. Ich wünsche mir, dass wir in der Öffentlichkeit und in Fachdiskursen weniger von „der Jugend“ sprechen, sondern von den unterschiedlichen und vielfältigen Lebenswelten oder Lebenswirklichkeiten junger Menschen.
Junge Menschen werden die langfristigen Folgen heutiger Entscheidungen tragen. Politische Prozesse sind häufig kurzfristig orientiert. Junge Menschen bringen eine langfristige Perspektive ein, gerade bei Klima, Digitalisierung oder sozialer Sicherung.
Demokratie heißt nicht nur, gewählt zu werden. Sie heißt auch zuzuhören. Politik muss die Menschen mitnehmen, und zwar nicht nur die alten Menschen, sondern auch die jungen Menschen und künftigen Gestalter:innen unserer Gesellschaft. Wenn eine Generation dauerhaft das Gefühl hat, nicht gehört zu werden, leidet das Vertrauen in politische Entscheidungen. Mit der Trendstudie wollen wir genau das leisten und sichtbar machen, was junge Menschen bewegt, was sie sich wünschen, worüber sie sich sorgen, was sie belastet, was sie erwarten und was sie motiviert. Damit soll die Trendstudie auch dazu beitragen, das Verständnis zwischen den Generationen zu stärken.
Statt ständig über junge Menschen zu urteilen, sollten wir ihnen endlich zuhören. Sie sind weder „zu sensibel“ noch „unpolitisch“. Sie reagieren auf echte Herausforderungen, die ihr Leben unmittelbar betreffen, wie die Klimakrise, steigende Preise oder unsichere Zukunftsaussichten. Dabei müssen wir auch viel mehr darauf schauen, welche Stärken die junge Generation mitbringt, was junge Menschen verändern wollen, was sie als gerecht empfinden und welche Bereitschaft, sie haben, Verantwortung zu übernehmen.
Politik und Wirtschaft sollten Beteiligung deshalb nicht als PR-Format verstehen. Wer junge Menschen einlädt, muss ihnen auch Einfluss geben. Echte Mitgestaltung stärkt Selbstwirksamkeit, und daraus entsteht Vertrauen in Demokratie, Gesellschaft und Politik.
Ich würde für einen Tag jene unausgesprochene Regel außer Kraft setzen, nach der wir Menschen permanent in Gruppen einteilen, vergleichen und abwerten. Dieses „Wir gegen die“, ob entlang von Herkunft, Geschlecht, politischer Haltung, Lebensform oder sozialem Status, prägt viele gesellschaftliche Debatten.
Wenn wir es schaffen würden, diese Mechanismen der Abgrenzung und Hierarchisierung auch nur für 24 Stunden auszuschalten, könnten wir möglicherweise spüren, wie viel produktiver und lebenswerter unser Zusammenleben ist, wenn Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Normalität verstanden wird.
Toleranz bedeutet, andere Lebensentwürfe nicht automatisch abzuwerten. Wer nicht dem eigenen Weltbild entspricht oder dem eigenen Lebensentwurf folgt, ist nicht moralisch oder kulturell minderwertig. Ein solcher Perspektivwechsel hätte das Potenzial, Spannungen abzubauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt spürbar zu stärken.
Zunächst würde ich ihnen sagen, dass sie herausfinden sollen, wofür sie wirklich brennen. Gesellschaftliches Engagement ist kein Pflichtprogramm, sondern lebt von innerer Überzeugung. Es lohnt sich, unterschiedliche Initiativen, Gruppen und Diskurse kennenzulernen, um zu verstehen, wo man selbst wirksam sein kann.
Zweitens sind Verbündete wichtig. Nachhaltige Veränderungen entstehen selten im Alleingang. Netzwerke, Austausch und gegenseitige Unterstützung sind entscheidend, gerade in Zeiten, in denen Debatten schnell emotionalisiert werden.
Und drittens würde ich empfehlen, dass sich junge Menschen von niemandem einreden lassen, sie seien „zu emotional“ oder „nicht rational genug“. Viele historische Fortschritte, von Bürgerrechten bis Gleichstellung, wurden von Menschen angestoßen, die Missstände nicht mehr hinnehmen wollten. Emotion und Empörung können produktive Kräfte sein, wenn sie mit Sachkenntnis und Dialogbereitschaft verbunden werden.
Aus der Glücksforschung wissen wir zudem seit Langem, dass dauerhafte Zufriedenheit weniger durch rein individuelle Selbstoptimierung entsteht als durch soziale Einbindung und das Erleben von Sinn. Sich für andere einzusetzen, stärkt nicht nur Gemeinschaft, sondern oft auch das eigene Wohlbefinden.
Die Familie verändert meinen Blick auf Zeit. Ich denke stärker in Generationen und weniger in Legislaturperioden. Natürlich beeinflusst das auch meine Perspektive auf Bildung, Demokratie und gesellschaftliche Stabilität.
Gleichzeitig darf wissenschaftliche Motivation nicht partikular sein. Es geht nicht darum, die Welt nur „für die eigenen Kinder“ besser zu machen. Wenn wir über Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit oder demokratische Resilienz sprechen, sprechen wir immer über die nächsten Generationen insgesamt.
Was mich antreibt, ist die grundlegende Frage, in welcher Gesellschaft Kinder und Jugendliche aufwachsen sollen: In einer, die von Angst, Abwertung und permanenter Unsicherheit geprägt ist? Oder in einer, die Vertrauen, Mitgestaltung und soziale Mobilität ermöglicht? Forschung kann hier keinen politischen Ersatz leisten, aber sie kann die dafür erforderliche Orientierung schaffen.
Vielleicht: „Was schenkt Ihnen angesichts multipler Krisen Hoffnung?“
Meine Antwort wäre: die Dialogfähigkeit und Diskurse, ins Gespräch zu kommen. Trotz Polarisierung erlebe ich in vielen Kontexten eine hohe Bereitschaft, sich mit komplexen Fragen auseinanderzusetzen. Diese intellektuelle Offenheit ist ein wichtiges Gegengewicht zu vereinfachenden Narrativen.
Ich wünsche mir, dass die Studie dazu beiträgt, junge Menschen nicht als Problemfall, sondern als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen zu begreifen.
Wenn wir deutlich machen konnten, dass psychisches Wohlbefinden, politische Stabilität und soziale Gerechtigkeit eng miteinander verknüpft sind und dass junge Menschen nicht auf einzelne Schlagzeilen oder Extrempositionen reduziert werden dürfen, dann wäre viel erreicht.
Darüber hinaus können die Ergebnisse dazu beitragen, Entscheidungsprozesse besser zu informieren. Sie zeigen, wo Belastungen entstehen, wo Vertrauen erodiert – und wo Potenziale für gesellschaftlichen Zusammenhalt liegen. Forschung trifft keine politischen Entscheidungen. Aber sie kann dazu beitragen, dass Entscheidungen auf einer fundierten Kenntnis der Lebenslagen junger Menschen beruhen.
Und vielleicht bleibt in Erinnerung, dass wir früh darauf hingewiesen haben: Eine Gesellschaft, die ihre junge Generation dauerhaft unter Druck setzt, riskiert mehr als schlechte Stimmungswerte. Sie riskiert Vertrauen und damit eine der zentralen Voraussetzungen für demokratischen Zusammenhalt.
Prof. Dr. Nina Kolleck ist Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam und forscht zu den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, politischer Bildung, Demokratieentwicklung und Bildungsungleichheit. Für ihre wissenschaftliche Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, darunter mit einem ERC Grant des Europäischen Forschungsrats. Neben ihrer Forschung engagiert sich Nina Kolleck als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der bundesweiten Steuerungsgruppe zur „Feststellung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens im internationalen Vergleich“ und wurde als Expertin in die „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier berufen.
Weitere Informationen und Kontakt: www.nina-kolleck.com/